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genau.

mathematische Strategien und künstlerische Prozesse

28. August bis 27. September 2009

   
   
Eröffnung: Freitag, 28. August, 20 Uhr
Öffnungszeiten: Do - So, 16 - 19 Uhr

   
     
 

Teilnehmende KünstlerInnen:

Ralf Baecker (Bremen)
Johannes Franzen (Frankfurt)
Anett Frontzek (Dortmund)
Friederike Gahrmann (Münster)
Olaf Pyras (Kassel)
Julian Schuster (Breckerfeld)
Stephan US (Münster)
Jorinde Voigt (Berlin)

 
   
   
 
 

 

     
 

Die künstlerischen Arbeiten in der Ausstellung folgen ihren unterschiedlichen, jeweils eigenen genauen Regeln. Diese Ordnungen legen alle - das ist eine erkennbare Gemeinsamkeit - eine möglichst exakte Struktur offen. Es gibt dabei Systeme, die vorgefunden oder solche, die für die künstlerische Arbeit speziell erfunden wurden. Die Folgerichtigkeit innerhalb der verschiedenen gestalterischen Regelwerke und der sich daraus ergebene kalkulier- und kontrollierbare Zusammenhang sind so klar, dass sich solche formalen Strukturen auch mathematisch präzise beschreiben ließe. Das heißt jedoch nicht, dass die Arbeiten lediglich Illustrationen von mathematischen Phänomenen sind. Das mathematische Denken ist hier das Mittel zum Zweck: Die zum Teil subversiven künstlerischen Operationen lassen rationale - punktgenaue - und endgültige Lösungen eigentlich nicht zu, denn obwohl die nachvollziehbaren Ordnungssysteme eindeutig sind und bleiben, zeigen sich die Arbeiten als unüberschaubar komplexe Phänomene.

 
 
 
 
 

 

 
 

Ralf Baecker, The Conversation, Installation, 2009

Die Installation besteht aus 99 im Kreis angeordnten Zugmagneten, die zusammen drei Gummiringe (Attraktoren) im Zentrum des Kreises tragen. Jeder Zugmagnet arbeitet autonom und ist in der Lage, seinen Zug den Kräften im Netzwerk anzupassen. Der Gummiring ist Vermittler zwischen den einzelnen Magneten.

 
   
   
 
Ralf Baecker, The Conversation (Simulation), 2009
 

     
 

Johannes Franzen, Serie 1024 x 768, 2004

Eine Maschine erzeugt jede Sekunde ein neues Bild, wobei die Farbe jedes Pixels jedes Mal neu "gewürfelt" wird. Alle diese möglichen Bilder im digitalen Format 1024x768 sind damit Thema der Arbeit von Johannes Franzen. Deren Anzahl ist sehr groß, aber endlich. Sie umschließt alle bekannten, geträumten, innerhalb und außerhalb unserer Vorstellung liegenden. Alle – hier und jetzt, aus Vergangenheit und Zukunft, aus jeder Perspektive und Zoomstufe. (Johannes Franzen)

 
 
   
 
Johannes Franzen, Serie 1024 x 768, 2004
 
 

 
     

Anett Frontzek

1995/96 entstanden anlässlich eines Artist in Residence Aufenthaltes die ersten Künstlerbücher, Zeichnungen und Papierschnitte, die sich mit Grundrissen gotischer Backsteinkirchen aus Norddeutschland beschäftigen. Seither entstehen in loser Folge immer wieder Arbeiten, die sich auf diese besondere Architekturform beziehen. Bei Anordnung gleicher Elemente ergeben sich Strukturen, die als ein sich nach allen vier Seiten gleichmäßig ausdehnendes System begriffen werden können. (Anett Frontzek)

 
 
 
 
Anett Frontzek, Papierschnitt, 150 x 110 cm, 1995/96
   
     
 

Friederike Gahrmann, Teilchendrehung, 2009
Objekte in unterschiedlichen Größen (Referenz sind eigene Körpermaße), MDF, Acryllack

Mit einer Leichtigkeit scheinen sich die 12 Objekte der Installation Teilchendrehung durch den Raum zu bewegen. Dieser dynamische Eindruck rührt daher, dass die Objekte durch ihre Anzahl von Winkeln von einer auf die nächste Fläche kippen könnten. So wie die Geometrie der Teile die Schwere des Materials optisch relativiert und eine Instabilität erzeugt, bieten die farbig monochromen Innenflächen einen Blick durch die offenen „Raumkörper“, um die sich der Betrachter bewegt. Dessen Perspektivenwechsel ist letzendlich das Moment der Drehung der Teile im Raum. (Fiederike Gahrmann)

 
 
   
 
Friederike Gahrmann, Teilchendrehung, 2009
 
 

 
     

Olaf Pyras, Neun Wege, Installation für Video und 4+1-Kanalton, 2009 

Die Musik Nine Bells stammt von dem amerikanischen Komponisten Tom Johnson. Neun im Raum verteilte Glocken werden unterschiedlichen Pfaden folgend zum Klingen gebracht. Leere, nur Schritte des Spielers, Einzelklänge, zunehmende Klangmassierungen.
Durch die Hinzunahme eines Sandfeldes bleiben die Fußspuren des Spielers als Zeitspuren gespeichert. Einem Palimpsest gleich überschreiben sich die Wege gegenseitig. Sie fragen nach einer Beobachtbarkeit und Vorhersehbarkeit von Algorithmen der Komposition.

 
 
 
 
Olaf Pyras, Neun Wege, Installationsansicht
   
     
 

Julian Schuster, 5 aus 25!, Video, 2009

Ein Stapel quadratischer Karten wird verteilt; sie werden sortiert und so geordnet nebeneinander gelegt. Die 25 Teile ergeben Schritt für Schritt ein schwarzes Quadrat; Anspielungen auf Werke von Carl Andre und natürlich Kasimir Malevitsch sind unverkennbar. Jedes der einzelnen Elemente hat eine eindeutige Position innerhalb des Gesamtfelds – festgelegt durch Angaben eines Koordinatensystems, die auf den Rückseiten notiert sind. Die Reihenfolge innerhalb des Stapels ist jedoch durch eine zufällige Mischung immer wieder anders. Die verschiedenen Entwicklungen zum vollständig ausgelegten Quadrat und die dabei zu sehenden Vorstufen ändern sich also mit jedem neuen Vorgang. Mathematisch ausgedrückt gibt es hierbei exakt 25! (25 Fakultät = 25x24x23x22x...x3x2x1 = 15.511.210.043.330.985.984.000.000) verschiedene solcher Reihenfolgen. Julian Schusters Arbeit zeigt davon lediglich 5 Beispiele als loop.
Mit der vorgeführten – spielerisch einfachen – Handlung einerseits und der darin angelegten unvorstellbar großen Zahl von Möglichkeiten andererseits macht diese aktuelle Arbeit – ähnlich wie die Vorbilder - den spannenden Kontrast zwischen Vernunft und Empfindung deutlich: Die mathematische Berechnung bleibt abstrakte Logik, welche die Möglichkeiten zwar exakt limitiert, sie kann jedoch nicht die sinnliche Erfahrung und Vorstellung von unbegrenzter und unerschöpflicher Vielfalt aufheben. (Willi Otremba)

 
 
   
 
Julian Schuster, aus dem Video: 5 aus 25!, 2009
 
 

 
     

Stephan US, aus dem Archiv des Nichts

Stephan US, der Begründer des Archiv des Nichts, untersucht in seiner multimedialen, teilweise im öffentlichen Raum intervenierenden Installation „0 , nichts“ den aktuellen Wert der Null. In dieser Feldforschung bewegt er sich zwischen mathematischen Formeln, Finanzkrise und dem Nichts. Dabei ist ihm fast jedes Mittel recht. Am Ende der Rechnung kommt auf jeden Fall mehr oder weniger Null heraus.

www.archiv-des-nichts.de

 
 
 
 
Stefan US, exit zero, 2006, Installation (Photo: Stephan US/VG Bild-Kunst)
   
     
 

Jorinde Voigt, 2 küssen sich – Aktionsablauf, Zeichnung, 2008

(...) für Jorinde Voigt (ist) das performative Element wesentlich – und zwar im Realraum der Aktion oder der Wahrnehmung wie im Raum der Zeichnung. Dabei bilden jedoch die Zeichnungen Partituren, die auf sich selbst verweisen, also die Aktion und Transformation von miteinander verknüpften „Sachen“ in „Sachverhalte“ in sich tragen und ausformulieren. Dieser Prozess, der mal in Form seriell aufgebauter Arbeiten, mal in monumentalen Einzelblättern oder Diptychen entwickelt wird, besitzt häufig den Charakter einer Versuchsanordnung. Dabei ist es aber wohl irreführend, nur von Versuchen zu sprechen, da die von Voigt entwickelten systemischen Notationen eben auch Wirklichkeiten konstruieren. (...) Voigts Versuchsanordnungen beruhen keinesfalls zwangsläufig auf homogenen Elementen, die sich aus einem bestimmten Themenkreise oder einem konkreten Wahrnehmungsfeld speisen. (...) Grundsätzlich entstehen aus der systematischen Wiederholung und Anordnung eines solchen erdachten Sachverhalts Reaktionsketten unterschiedlicher Ausprägung, die immer wieder auch geometrische Asymmetrien zulassen, wie sie mathematische berechneten Fraktale (Mandelbrotbaum) zu eigen sind. (Dr. Andreas Schalhorn)

 
 
   
 
Jorinde Voigt, 2 küssen sich – Aktionsablauf (Generationen 1 bis 8), Strom, Rotation Nord-Richtung
Tinte, Bleistift auf Papier, 114,5 x 240 cm, Unikat, Berlin, 2008
 
 

 
   
 

Abb. Einladungskarte ©: Jorinde Voigt
Abbildungen
©: die KünstlerInnen

Konzept und Organisation: Willi Otremba, Jens Sundheim

unterstützt durch: Sparkasse Dortmund, Kulturbüro der Stadt Dortmund